Treue braune Augen, die in gespannter Erwartung immer in die eine Richtung schauen. Autos fahren vorbei, Menschen laufen vorbei, andere Hunde ziehen vorbei und es interessiert nicht einmal. Nein, er sitzt da, der flauschige Hund und wartet. Aber auf was?

Kennst du die Geschichte von dem Hund Hachiko, die sogar mit Richard Gere verfilmt wurde? Nein? Kurz erzählt geht es um einen Hund der japanischen Akita-Rasse, der jeden Tag seinem Herrchen zum Bahnhof folgt und dort solange sitzen bleibt, bis dieser schließlich mit dem Zug wieder von der Arbeit zurückkommt. Leider starb sein Besitzer, ein Professor, eines Tages überraschend während seiner Arbeit in der Universität. Und Hachiko wartete auf seine Rückkehr viele Jahre lang.

Der Film ist für Tierfreunde eigentlich mehr Qual als Unterhaltung. Ich habe damals meinen gesamten Taschentuchvorrat aufgebraucht und mir geschworen, ihn nie wieder anzusehen. Obwohl die Geschichte doch ihr Gutes hatte, da Hachiko in Japan zum Inbegriff der Treue wurde und man ihm sogar eine Statue widmete.

Der Hachiko von Guaza, Teneriffa

Der Hachiko von Guaza

Du fragst dich doch jetzt sicher, warum ich das alles überhaupt erzähle, richtig? Nun, ich wohne auf Teneriffa in dem Ort Guaza. Wer Teneriffa etwas kennt oder sogar selbst hier wohnt, wird jetzt laut auflachen. Denn Guaza wird neben El Fraile als das schlimmste Wohnviertel im Süden gehandelt. Hier wohnt man eigentlich nicht, wenn man es vermeiden kann. Ich kann aber beruhigen: sooo schlimm ist es hier gar nicht. Nein, ich romantisiere gern das Ghetto-Flair und mache meine Späße, aber im Grunde ist es ein Ort wie jeder andere und man kann hier prima leben. Man hüpft einfach aus seinem Auto, überprüft drei mal, ob man es auch wirklich verschlossen hat (eine neue Manie, die ich seit meiner Zeit in Guaza habe) und läuft schnell am nicht vorhandenen Briefkasten vorbei in die Haustür.

In Guaza dreht sich die Welt ein klein wenig anders und so war ich beim ersten Mal auch gar nicht so sehr verwundert, als ich einen Hund direkt vor der Tür meines Wohnhauses sitzen sah. Zottelig sah er aus und erinnerte mich ganz entfernt etwas an den Vierbeiner aus der Al Bundy Serie. Ich drehte mich um, nirgends eine Spur eines Herrchens und ein Halsband trug er auch nicht. Ich dachte, es sei einer der Straßenhunde, die rund um den Hügel Montaña de Guaza leben und sich morgens und abends den Orten nähern, um Essbares zu suchen. Aber sein Verhalten wäre für einen wilden Hund ungewöhnlich, zu zutraulich gegenüber den Menschen. Er saß einfach nur da und wartete.

Das Spiel wiederholte sich daraufhin sehr oft. Immer häufiger traf ich auf den wuscheligen Gesellen, der seine festen Uhrzeiten für seinen Spaziergang durch Guaza hatte. Vor der Tür des Hauses, in dem ich wohne, saß er dann gewöhnlich eine ganze Weile, bis er weiter trottete. Sorge machte sich breit. Ganz im Hachiko-Film-Fieber machte ich mir Gedanken, ob sein Herrchen ihn vielleicht ausgesetzt hatte. Oder ob es gar gestorben wäre. Gern neige ich in solchen Situationen zu voreiligen Gedanken. Passenderweise war meine liebste Mama an solch einem Tag zu Besuch bei mir auf der Insel und ich teilte ihr meine Sorgen mit: “Man muss ihm helfen! Er hätte ein viel besseres zu Hause verdient! Man muss ihn von der Straße holen!”

Hachiko beim Spazieren, Guaza Teneriffa

Hachiko beim Spazieren

Dank des vernünftigen mütterlichen Rates (“Der hat bestimmt ein zu Hause”) gelang es, nicht sofort in blinden Aktionismus zu verfallen. Sie kennt mich, ich will ständig vermeintlich hilflose Tiere retten – selbst wenn der Besitzer nur außer Sichtweite steht. So beschränkten wir uns erst einmal auf “unauffälliges” Verfolgen. Meine Mama blond, ich mit Kamera unter dem Arm und vor uns der dahintrottende Hachiko von Guaza. Ab und an fragte ich Anwohner, ob sie den Besitzer des Hundes kennen würden. Ich glaube an diesem Tag gingen wir in die Analen von Guaza ein. Dämliche Blicke gabs jedenfalls von allen Seiten. Das will was heißen, hier reißen sonst nur Polizeifahrzeuge alle vom Hocker.

Hachiko fand das Katz und Maus Spiel irgendwann stupide und setzte sich einfach, wie er es gern tut, mitten auf den Weg. Er hatte beim Aussitzen den deutlich längeren Atem und wir entschieden uns, die Suche nach seinem Unterschlupf zu vertagen. Den nächsten Morgen freuten wir uns auf dem Weg zur Arbeit gerade darüber, dass mein Auto noch vor meiner Haustür stand, als Hachiko zur gewohnten Zeit um die Ecke bog. Doch etwas war anders. Etwas in seinem Fell glitzerte. Ein Halsband!

Hachiko mit Halsband, Guaza, Teneriffa

Hachiko mit Halsband

Gelobt sei der Buschfunk in kleinen Orten! Irgendwie hatte wohl die Nachricht, dass seltsame Leute dem Hund hinterhergelaufen wären, auch den Besitzer erreicht. In weiser Voraussicht legte er ihm daraufhin am nächsten Tag das Halsband um, dass der Hachiko von Guaza zuvor noch nie getragen hatte. Ich war erleichtert: Er hat ein zu Hause. Und ich war amüsiert. Denn alles lief mal wieder auf die ureigene Gelassenheit der Canarios hinaus: Warum mit dem Hund Gassi gehen, wenn man auch einfach die Tür öffnen kann, damit der Hund seine Runde selbst dreht?

Das Geheimnis, das eigentlich auf Teneriffa keines ist, war also gelüftet – die Faulheit steckte dahinter. Ich für meinen Teil war jedenfalls beim Anblick des Halsbandes froh, dass der Kleine ein Heim hat und ich freue mich immer ihn zu sehen. Im Endeffekt ist es für den Hachiko von Guaza sogar ganz prima so, denn er geht einfach jeden Tag nach Lust und Laune spazieren oder sitzt einfach da und schaut in die Weltgeschichte. Was für ein Hundeleben!

 

Solltest du einmal nach Guaza kommen, halte die Augen offen. Vielleicht siehst du ihn ja, wie er gerade dort seine Runden dreht.