El Hierro – Wo sich Eidechse und Heuschrecke „Buenas Noches!“ sagen

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Wenn es um längere Reisepläne geht, flößt kaum eine Kanarische Insel Zuhörern so viel Respekt ein, wie El Hierro. „Was?! Eine ganze Woche? Was willst du denn da machen? El Hierro ist so klein, da ist doch nichts!“ Nun, die Insel ist tatsächlich winzig und scheint in der Zeit sogar noch weiter zurückgeblieben wie ihre Nachbareilande. Aber genau das verleiht El Hierro seinen Charme.

 

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich es leider selbst noch nicht auf El Hierro geschafft habe. Geplant war es schon, denn als leidenschaftliche Taucherin zieht mich dort vor allem die von allen gepriesene Unterwasserwelt an (mehr dazu später). Aber leider kam ein kleiner Tauchunfall mit dafür umso größerer Pause dazwischen und so muss ich mich derzeit noch gedulden und mir die Zeit mit den Erzählungen meiner Freunde vertreiben. Aber keine Sorge, du musst deswegen natürlich nicht auf mehr Infos zu dieser Insel verzichten:

Allgemeines zur Insel

El Hierro allgemein

El Hierro ist eine Insel der Superlative – sie ist die kleinste der Kanarischen Inseln und ist gleichzeitig auch die westlichste und südlichste des Archipels. Bis zur Entdeckung

Amerikas im Jahr 1492 galt El Hierro damals als Grenze der bekannten Welt.

Durch ihre vulkanische Entstehung bietet sie, ähnlich den anderen Inseln der Kanaren, eine Vielfalt an unterschiedlichen Landschaftsformen und Klimazonen – nur auf noch kleinerem Raum. Genauer gesagt auf 268,71 Quadratkilometern, was in etwa mit der Größe Erfurts vergleichbar ist. El Hierro ist ein durch die UNESCOausgezeichneter Geopark und erklärtes Biosphärenreservat.

El Hierro gehört zur Provinz von Santa Cruz de Tenerife und ist mit seinen rund 10.000 Einwohnern (nicht einmal 40 pro Quadratkilometer) sehr beschaulich besiedelt.

Weiße Sandstrände aus dem Katalog und günstige Direktflugverbindungen nach El Hierro gibt es nicht. Den Massentourismus sucht man daher hier vergebens – ebenso wie aktuelle Tagespresse. Die meisten der benötigten Alltagsgüter werden über den Schiff- bzw. Flugzeugverkehr von anderen Inseln bezogen.

El Hierro allgemein(2)

Eine Abhängigkeit, die Geduld und bei schlechtem Wetter sogar stoische Ruhe erfordert, denn dann kann es schonmal mit dem Nachschub dauern. In Hotels gibt es daher die Zeitungen von gestern bis vorgestern. Wozu auch die Eile, draußen gibt es genug Möglichkeiten, um sich abzulenken. Durch seine einzigartige Naturschönheit i
st El Hierro unter anderem ein Mekka für Taucher, Mountainbiker und Wanderer.  

Erst im Jahr 2011 machte El Hierro weltweit Schlagzeilen durch vulkanische Aktivitäten. 2012 startete man nach dem Anstieg des Tourismus durch die submarinen Eruptionen eine neue Kampagne der “Isla conectada”. El Hierro sollte die erste Insel weltweit sein, die flächendeckend eine kostenlose Internetverbindung anbietet. Vögel haben mir allerdings gezwitschert, das man davon fernab der wenigen Wohngebiete nicht allzu viel merkt und auch sonst der Handyempfang mehr schlecht als recht funktioniert. In vielen Geschäften und Restaurants ist aufgrunddessen meist nur Barzahlung möglich, da Kartenlesegeräte schlichtweg keine Verbindung herstellen können. Stecke dir bei einem Besuch also immer genügend Geld ein!

Generell scheint El Hierro der Schnelllebigkeit der modernen Welt mit traditioneller Gemütlichkeit zu begegnen. Möchte man eine Apotheke aufsuchen, so kann es sein, dass man zunächst erst einmal den Besitzer unter der angegebenen Nummer anrufen muss, damit er vorbeischaut. Das Leben ist hier einfacher, intensiver, naturverbundener. Das macht El Hierro zum idealen Fluchtort für ausgebrannte Großstadtkämpfer auf der Suche nach Abgeschiedenheit.

Vom Flughafen Teneriffa Nord aus benötigt man etwa 40 Minuten mit dem Flugzeug bis nach El Hierro. Die Anreise mit der Fähre ist dagegen mit ca. zweieinhalb Stunden von Los Cristianos aus etwas länger.

Valverde – Die Hauptstadt der Insel

Valverde ist die Hauptstadt El Hierros und gleichzeitig auch Zentrum der gleichnamigen Gemeinde. Sie erstreckt sich über den Nordosten der Insel und zählt knappe 5.000 Einwohner. Durch ihre Lage auf 600m über dem Meeresspiegel hat sie keinen direkten Meereszugang, dafür versprüht sie aber jede Menge Charme eines gemütlichen Bergdorfes. Hier ist alles etwas kleiner gestaltet, die wichtigen Gebäude wie Banken, Rathaus, Schulen und Geschäfte reihen sich an den beiden Hauptstraßen auf. Die wichtigste und wohl schönste Sehenswürdigkeit ist die hiesige Kirche, die Santa María de la Concepción, deren Grundsteine sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen. Hier begeht man auch im Vierjahrestakt eine der größten Feierlichkeiten der Insel zu Ehren der Schutzpatronin, der Jungfrau der Heiligen drei Könige. Dabei wird die heilige Jungfrauenstatue aus einer Kapelle in den Bergen in einer ein-monatigen Prozession nach Valverde getragen.

El Sabinar – Die Sabina von El Hierro

El Sabinar

Reist man in den äußersten Westen der Insel, so begibt man sich von der Ermita de los Reyes aus über eine nicht ausgebaute Straße in einen Märchenwald. Dort stehen nebeneinander aufgereiht, tief mit der Erde verwurzelt und von der Zeit gezeichnet, jahrhundertealte Wacholderbäume mit bizarren Formen. Durch kontinuierliche starke Winde wurden die ursprünglich geraden Kronen der Bäume teilweise sogar bis in den Boden gedrückt und sollten sich über die kommenden Dekaden auch nicht mehr aufrichten.

Dieser erstaunliche Anblick ist weltweit einzigartig und gehört damit zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Insel. Ganz besonders lohnt sich der Besuch, wenn die Bäume vom El Sabinar von tief hängenden Wolken umspielt werden. Dann wird der Märchenwald ganz schnell zum Gruselwald und man wartet nur darauf, dass die bis zu 8m hohen Bäume sich aufrichten, ihre Augen öffnen und anfangen zu sprechen.

Las Puntas – Das kleinste Hotel der Welt

Hotel Punta Grande

Las Puntas ist ein kleines Dorf umgeben von malerischer Landschaft im Nordwesten El Hierros. Vor dem Panorama einer steilen Berglandschaft und der rauen Küste mit azurblauem Wasser reihen sich die kleinen Häuschen auf. Eines von ihnen ist dabei ganz besonders klein. So klein, dass es dafür berühmt ist: das Hotel Punta Grande. Das 40m² große Haus wurde im Jahr 1830 als erstes Gebäude der Ortschaft errichtet und diente mit seinem Lagerraum und Büros im oberen Teil viele Jahre als wichtiger Knotenpunkt für den Handel. Ab 1930 ließ die Handelswirtschaft allerdings nach und das Haus verfiel, bis es ab 1970 wieder mühsam errichtet wurde und seitdem als Hotel für Gäste aus aller Welt dient. 1989 erhielt das Hotel Punta Grande sogar die Auszeichnung vom Guiness-Buch der Rekorde als “kleinstes Hotel der Welt”. Es verfügt über vier Zimmer, die dank Meeresbrandung und fehlendem Empfang allesamt Ruhe vorm stressigen Alltag bieten. Die Wände aus Lavasteinen und der nautische Dekor verleihen dem ganzen einen naturverbundenen Charme. Selbst wenn es bei dir mit einer Übernachtung nicht klappt – ein süßes Fotomotiv ist das kleine Hotel allemal!

El Tamaduste – Ein verträumtes Dörfchen am Atlantik

Tamaduste

El Tamaduste ist ein kleines pittoreskes Fischerdörfchen im Nordosten der Insel, nahe am hiesigen Flughafen gelegen und nur 10km von der Inselhauptstadt Valverde entfernt. Es bietet einen halb durch Felsen und Städtchen eingeschlossenen, wunderschönen Naturstrand mit feinstem schwarzen Sand. Die Atmosphäre ist sehr ruhig, geradezu verschlafen. Die gerade einmal rund 300 Einwohner genießen hier das ganzjährig milde Klima und die wunderschöne Aussicht.

Diese kann man besonders vom etwas höher gelegenen Aussichtspunkt Mirador de Tamaduste genießen, zu dem man über einen Wanderweg oberhalb des Dorfes gelangt. Spannend ist auch die Höhle Cueva de los Barcos, die man über einen Spaziergang entlang der Bucht erreicht.

Playa de Tacorón – Baden umgeben von erkalteter Lava

Tacorón

Im Südwesten von El Hierro findet man die Bucht Cala de Tacorón, eine der schönsten Badegelegenheiten der Insel. Inmitten von erkalteter Lava kann man hier über Eisenleitern in das glasklare, erfrischende Nass steigen. Durch den natürlichen Schutz der Gesteinsformationen gibt es kaum starke Strömungen oder hohe Wellen, weshalb Tacorón vor allem bei Schnorchlern beliebt ist. Neben dem Bestaunen der Welt unter Wasser kann man sich hier zudem auf dem hiesigen Grillplatz oder an der Strandbar stärken. Ganz in der Nähe befindet sich die Cueva del Diablo, die Teufelshöhle. Vom Parkplatz an der Cala de Tacorón benötigt man zu Fuß über den felsigen Weg circa eine halbe Stunde bis zur Höhle, stets vorbei an einer imposanten Steinwand. Bei Regen oder gar schlechtem Wetter solltest du diesen Weg wegen Steinschlaggefahr allerdings definitiv meiden.    

Mirador de las Playas – Schwindelerregendes Panorama

Mirador de las Playas

Der Aussichtspunkt Mirador de las Playas gehört zu den atemberaubendsten der Insel. In Richtung von El Pinar im Gebiet von Valverde im Osten El Hierros gelegen, bietet er eine spektakuläre Aussicht auf die ihn zu Fuße liegenden Küsten und sogar auf die berühmte Felsformation im Meer namens Roque de la Bonanza. Der Blick ist nichts für Menschen mit Höhenangst, fallen doch direkt unter dem Aussichtspunkt die Bergwände über 1000m steil hinab ins Tal. Aber keine Sorge, alles ist mit Holzgeländern gut gesichert und auch sonst ist der Ort mit Sitzmöglichkeiten und schattenspendenden Kiefern sehr gepflegt und lädt zum Verweilen und Träumen ein.

Faro de Punta Orchilla – Der antike Nullmeridian

Faro Punta de Orchilla

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, hatte El Hierro vor einigen hunderten Jahren eine sehr große Bedeutung für die damalige Kartografie der Welt. Die kleinste der Kanarischen Inseln galt damals als Grenze der bekannten Welt. So kam es, dass die Landspitze der Punta de la Orchilla, der westlichste Punkt El Hierros, von Claudius Ptolemäus in der Antike als westlichster Punkt der Erde benannt wurde.

Dieser Nullmeridian, auch “Ferro-Meridian” genannt, wurde nach der Wiederentdeckung der Kanaren im 14. Jahrhundert beibehalten und blieb noch bis 1884 in der Kartografie bestehen. Im Jahr 1924 begann man den Bau des rötlich schimmernden, imposanten Leuchtturms (spanisch: Faro), direkt auf der imaginären historischen Linie des Meridians. Bis heute wohnt ihm eine große Bedeutung inne, denn er dient nach wie vor der Schiffahrt und markiert den westlichsten Punkt Europas. Direkt daneben findet man auch das Monumento al Meridiano, welches die Stelle markiert, an der die ehemalige Nulllinie verlief. Wolltest du nicht schon immer einmal ans Ende der Welt? Das ist die Gelegenheit!

Fazit:

Das ist natürlich längst noch nicht alles, was dieses kleine, raue Juwel im Atlantischen Ozean zu bieten hat. Wie bereits erwähnt, birgt El Hierro ein wahres Unterwasserparadies, was jährlich unzählige Schnorchler und Tauchsportler anzieht. Seien es leichte Tauchreviere für Anfänger, Höhlen für Fortgeschrittene oder mit etwas Glück sogar Begegnungen mit Mantarochen, Barrakudas oder gar Walhaien – hier lohnt sich der Sprung ins kalte Wasser!

Ein weiteres, absolut überzeugendes Pro-Argument für eine Reise nach El Hierro ist seine Originalität. Die Insel ist nicht groß, hier gibt es keine Millionen Touristen. Hier findet man noch echte Ruhe, Unberührtheit, Natürlichkeit und Sympathie. Die wenigen Einheimischen, obwohl nicht immer wirtschaftlich im Vorteil, sind unglaublich herzlich und strahlen die kanarische Gemütlichkeit mit jeder Pore aus.

El Hierro mag das Ende der Welt gewesen sein und für geschäftige, die Modernität verherrlichende Burnout-Kandidaten der heutigen Zeit stellt sie das wohl immer noch dar. Für alle anderen aber ist sie ein ideales Reiseziel für einen exotischer Abstecher in die Vergangenheit, in den Minimalismus und pure Schönheit der Natur.