Fuerteventura – Von Ziegentürmen und karibischen Stränden

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Bisher ist Fuerteventura die einzige der Kanarischen Inseln, die ich schon zwei Mal besucht habe. Zudem ist sie die einzige, die es schafft, die Meinungen ihrer Besucher komplett in zwei Lager zu spalten. Man liebt die Insel oder man hasst sie. Dazwischen gibt es nichts außer Sand, Staub, Ziegen und hervorragendem Käse

Mein erster Besuch führte mich in ein Surfcamp in den Norden Fuerteventuras und bei meinem zweiten Abstecher verbrachte ich der Arbeit wegen gerade mal einen Tag im Süden. Ich würde also nicht behaupten, dass ich sehr viel oder sogar alles von Fuerteventura gesehen hätte. Allerdings reichten meine Eindrücke aus, um zur Partei der Inselbefürworter zu gehören. Warum? Nun…

Allgemeines zur Insel

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Zunächst ein paar Fakten allgemeiner Natur über die Insel. Flächenmäßig ist sie die zweitgrößte der Kanarischen Inseln, in puncto Bevölkerungsdichte belegt sie allerdings nur einen Platz auf den hinteren Rängen. Kurios ist dabei, dass laut offiziellen Statistiken etwa ein Drittel ihrer Einwohner Ausländer sind. So schlimm kann es dort also gar nicht sein.

Geografisch betrachtet ist der wohl interessanteste Fakt der, dass Fuerteventura aufgrund untersuchter Gesteinsproben in ihrer Entstehung wohl die erste der Kanarischen Inseln war. Auf ihr und Lanzarote spürt man zudem durch die östliche Lage die Nähe zum Afrikanischen Kontinent klimatisch am stärksten.
Von Teneriffa ist sie eine knappe Flugstunde entfernt und mit der Fähre benötigt man mit Zwischenstation auf Gran Canaria etwa 4 Stunden.

Corralejo und El Cotillo – Surfparadiese und Schauplätze von Hollywood Filmen

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Als ich Fuerteventura das erste Mal besuchte, war das sogleich auch meine Premiere auf den Kanaren. Viel hatte ich bis dato über diese Inseln nahe Afrika gehört, die Realität war allerdings anfangs ernüchternt. Das wechselhafte Wetter im Winter machte in den ersten Tagen meiner Reise einen Strich durch meine “Sonne tanken”-Rechnung. Ich stieg aus dem Flugzeug und traf auf Wind. Jede Menge Wind, umrahmt von einem dunklen Himmel über trister Stauberde neben Geröllbergen. Enttäuschung machte sich breit. Aber ich verlor nicht den Mut, denn eines haben alle Orte der Welt gemein: bei Sonnenlicht sehen sie viel einladender und schöner aus, als im Schatten von grauen Wolkenbergen. Und wo Palmen statt Laubbäumen an den Straßen stehen, da sollte ja wohl schönes Wetter möglich sein.

Die Straße vom Flughafen in Puerto del Rosario nach Corralejo schien streckenweise das einzige zu sein, an das die Menschheit auf dieser Insel Hand angelegt hatte. Die kahlen Berge und karge Vegetation muteten teilweise schon wüstenartig an und kurz bevor man den Ort erreicht, machen Sanddünen direkt neben dem Asphalt das Bild der Einöde komplett. Große Wanderdünen aus hellen, feinem Sand schlängeln dort in Richtung Meer und entgegen dem allgemeinen Glauben ist nicht die Sahara ihr Ursprung, sondern zerriebene Meerestiergehäuse und Vulkangestein.

Corralejo selbst ist ein verschlafenes Nest. Bedenkt man, dass es im Norden der Insel neben Cotillo der bedeutendste Ort für Touristen wie Einheimische ist, so erhält man eine Idee davon, wie das Leben auf der Insel aussieht. Hektik existiert hier nicht. Hier beginnt jeder Morgen für Besucher wie Bewohner entspannt bei einem Kaffee an der Hafenmauer mit Blick auf die jungen Surfer und ihren ausgebleichten Haaren. Es gibt ein “Centro Comercial” das eine Hand voll Bars beherbergt und dazu zwei Lokalitäten der Sorte “wäre gern ein Nachtclub, wenn es mal groß ist”. Das war’s dann auch schon an Nachtleben.

Ein paar urige Fischrestaurants, die Standard-Hippie-Sandburgenbauer (die gibt es einfach überall), zwei bis drei kleinere Supermärkte und eine Einkaufsstraße gepflastert mit Surf- und Souvenirshops ergänzen das spärliche Angebot. Um es also ehrlich auf einen Punkt zu bringen: Wer Trubel braucht, ist hier falsch. Wenn man aber auf der Suche nach Erholung, Ruhe, der ultimativen Welle und entspannter, freundlicher Atmosphäre ist, dann ist man in Corralejo mehr als richtig.

Kakerlaken Story

Kleine Anekdote zwischendurch: In Corralejo hatte ich, lange vor meiner Zeit auf Teneriffa, zum ersten Mal in meinem Leben eine Kakerlake gesehen. Sie wurde mir noch lebend, gefangen in einem Trinkglas präsentiert. Ich nahm das Glas mit einer Postkarte als Verschluss in die Hand und sah sie mir ganz genau an. “Das ist aber ein komischer Käfer! Was es nicht alles so gibt, der ist bestimmt direkt von Afrika hierher geflogen”. Ich ließ den komischen Käfer frei und wurde erst nach dem Urlaub aufgeklärt, was ich da in der Hand gehabt und so interessiert angeschaut hatte. Das war clever so, denn hätte ich es direkt erfahren, hätte ich wohl vor lauter Schreck und Ekel nicht mehr in dem Zimmer geschlafen. Klarer Fall von Überinterpretation der Nähe zu Afrika. Ich hatte nicht geahnt, dass ich zu dem Zeitpunkt Bekanntschaft mit einem meiner vielen späteren Mitbewohner gemacht hatte. Eindeutiger Vor- und Nachteil dieser Begegnung: seitdem wusste ich ganz genau, wie Kakerlaken aussehen.
Zurück zum Inselnorden: In der Gegend rund um El Cotillo ziehen vielerlei Plätze Surfer an. Dabei locken sowohl Strandbereiche für Anfänger als auch Riffe mit perfekten Wellen. Vereinzelt verirren sich hierher auch Wanderer und Radfahrer. Außer den Sportlern findet man in El Cotillo nicht viele Touristen und auch verhältnismäßig wenig Einwohner. Ursprünglichkeit ist das Hauptwort in dem ehemaligen Zentrum der Fischerei. Mit dem Wachstum des Hafens in der Inselhauptstadt Puerto del Rosario im 20. Jahrhundert war Cotillo für viele einheimische Familien als Wohnort nicht mehr attraktiv. Was blieb ist der Zauber des Puerto Antiguo (alter Hafen), lagunenartige und unberührte Buchten sowie der nahegelegene Leuchtturm Faro del Tostón. Zu bestaunen ist diese Gegend unter anderem im Hollywoodepos “Exodus”, als Christian Bale in der Rolle des Moses das Rote Meer teilt. Viele der Einwohner ließen sich extra Bärte stehen (das war Grundvoraussetzung für die Bibelverfilmung), um sich als Statisten zu präsentieren. Das war eine der größten Aufregungen der letzten Jahre in dem sonst so lethargischen Ort.

Der Süden rund um Costa Calma, Jandia und Morro Jable – Die Karibikszenerie Europas

Morro Jable

Auf dem Weg in den Süden der Insel trifft man auf zahlreiche abgelegene Bauernhöfe und Häuser, bei denen man sich fragt, was die Bewohner dort überhaupt den ganzen Tag machen. Ebenso entdeckt man unterwegs viele Ziegenherden, die offenbar zu viel Gebrüder Grimm gelesen haben und sich wie bei den Bremer Stadtmusikanten in Türmen aufbauten. Ein herrliches Bild! Die Ziege ziert zudem das Logo der Insel und ist auf vielen Souvenirs wie Kühlschrankmagneten, Kaffeetassen und T-Shirts wiederzufinden

Der Ziegenkäse aus Fuerteventura ist weit über die Kanarischen Inseln hinaus für seinen milden, vorzüglichen Geschmack bekannt. Der Cabra majorera (der Name der hiesigen Ziegenrasse) sagt man daher gemeinhin auch eine hohe Qualität ihrer Milch nach. Könnte an ihrer Sportlichkeit liegen. Oder am Klima. Was es auch sei, der Ziegenkäse aus Fuerteventura zählt als Delikatesse und entsprechend klingelt die Kasse bei Exportgeschäften in alle Welt.
Apropos alle Welt. Wenn man den Tourismus auf Fuerteventura beobachtet, so hat man das Gefühl, dass alle Welt im Süden Urlaub machen möchte. Sobald man die Costa Calma passiert und weiter Richtung Jandia und Morro Jable fährt, reiht sich plötzlich eine Hotelanlage an die andere. Statt rauer Schönheit der ländlichen Natur wie im Zentrum und Norden der Insel, findet man im Süden vornehmlich kilometerlange Sandstrände mit kristallblauem Wasser. Vergleiche mit karibischen Küsten kommen dabei nicht von ungefähr. Schade ist nur, das die dem Tourismus so eigene Infrastruktur vor der Unberührtheit so mancher Landstriche nicht Halt gemacht hat. So werden eigentlich traumhafte Panoramen von Hotelbunkern, billigen Restaurants und kitschigen Souvenirläden unterbrochen. Aber so ist das nunmal mit dem Tourismus, zur glänzenden Medaille gehören immer zwei Seiten.

Ajuy – Zurück zur Ursprünglichkeit

Ajuy

Einen ganz anderen Anblick liefert dagegen Ajuy. Das kleine bunte Fischerdörfchen liegt an der Westküste von Fuerteventura und blieb bisher vom Massenandrang der Touristen größtenteils verschont. Charakteristisch für die Gegend ist der schwarze Sand des hiesigen Strandes, der im starken Kontrast zu den anderen Küsten der Insel steht. Dieser lockt natürlich täglich einige Besucher an. Sehenswert ist auch die nahe gelegene Caleta Negra, die schwarze Bucht, wo du ein faszinierendes Höhlensystem findest, was schon zu Piratenzeiten sehr begehrt war.

Betancuria – Die ehemalige Inselhauptstadt

Betancuria

Mitten in einem malerischen Tal, neben dem ausgetrockneten Flußbett eines Stroms, der schon seit hunderten von Jahren nicht mehr fließt, liegt Betancuria. Die heute bevölkerungsschwächste Gemeinde der Insel war einst die Hauptstadt Fuerteventuras. Die abgeschiedene Lage sollte früher dabei helfen, das Herz der Insel vor den vielzähligen Piratenangriffen zu schützen. Leider war diese Strategie nicht immer erfolgreich, 1593 wurde die Stadt mit ihren Wahrzeichen stark von den bärtigen Seeräubern verwüstet.
Zu ihren wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählt die Kirche Santa María Betancuria, welche 1410 erbaut und nach all der Zerstörung durch die Piraten im 17. Jahrhundert schließlich wieder aufgebaut wurde. Ebenso kannst du in der Casa Santa María lokalen Künstlern beim Werkeln über die Schulter schauen oder das kleine Heimatmuseum besuchen.

Faro de Punta Pesebre – Klein aber oho

Faro

Dieser Leuchtturm ist etwas ganz besonderes. Am südwestlichsten Zipfel der Insel gelegen, über eine kurze Wanderung erreichbar, steht der kleine Faro de Punta Pesebre. Er ist so klein, das er scherzhaft auch “Dixieklo mit Lampe” genannt wird. Allerdings sollte man sich bei diesem Kleinod den Spoot verkneifen, denn wir reden hier von einem Rekordhalter. Der Faro de Punta Pesebre ist der kleinste Leuchtturm Europas. Eine herrliche Sicht auf den Ozean und die unendlichen Küsten von Fuerteventura gibt es zum Superlativ gratis dazu.

Playa de Sotavento

Playa de Sotavento

Der strahlend helle Sandstrand Playa se Sotavento liegt an der südlichen Ostküste Fuerteventuras. Von Dünen umrahmt findest du hier zwei Abschnitte, den Playa Risco del Paso und Playa Barca. Beide liefern mit starkem Wind und den richtigen Wellen ideale Bedingungen für den Surfspot. Aus diesem Grund finden hier auch die Windsurfing & Kitesurfing World Cup statt, die Weltmeisterschaften im Wind- und Kitesurfen.
Den Anblick der durchtrainieren und versierten Sportler kannst du vom warmen Sand aus genießen. Wunder dich aber nicht, wenn es außer den Surfern noch mehr zu gehen gibt – am Playa de Sotavento wird auch gern FKK praktiziert.

Villa Winter – Ein sagenumwobenes Anwesen

Villa Winter

Man ist schnell dazu verleitet zu denken, dass auf einer so beschaulichen Insel wie Fuerteventura gewisse Ereignisse schnell allgemein bekannt sein würden. Umso verwunderlicher ist es, dass es dort ein Haus gibt, dessen pure Existenz Gegenstand zahlreicher Spekulationen und Gerüchte ist: die Villa Winter. Nicht einmal das Jahr ihrer Erbauung ist wirklich bekannt. Allerdings kennt man den ursprünglichen Besitzer, Gustav Winter, ein deutscher Ingenieur und seinerzeit angeblicher Vertrauter Adolf Hitlers.
Niemand weiß genau zu sagen, warum dieses Anwesen eigentlich so weit in der Einöde errichtet wurde, dass er wohl nie selbst bewohnte und warum sich in der Nähe ein Flugfeld befindet. Man mutmaßt über unterirdische Höhlensysteme und einen geheimen U-Boot-Hafen für das Deutsche Reich. Aufgeklärt oder entkräftet wurde das alles nie, der Ingeniuer hielt sich bedeckt. Das Haus steht nach wie vor. Zwar ist es kein offizielles Museum, aber mit etwas Glück kann man einen Blick aus der Nähe erhaschen. Fest steht nur eines: um Don Gustavo und sein Treiben auf der Insel ranken sich viele Mysterien.

Fazit:

Nachdem ich schon nach meinem ersten Besuch eine gewisse Sympathie für Fuerteventura entwickelt hatte, so war ich bei meinem zweiten Trip in den Süden einige Jahre später erst recht von der Insel überzeugt. Solch wunderschönen Strände findet man auf keiner anderen der Inseln, selbst in Europa wird es teilweise knifflig vergleichbare Bilderbuchansichten zu finden. Die Insellandschaft mag vielleicht auf den ersten Blick sehr karg und uneinladend wirken, auf den zweiten hat sie aber ihren ganz eigenen Charme. Das Farbspiel der unterschiedlichen Gesteinsschichten in den Bergen, das hypnotisierende Blau des Ozeans bei glasklarem Wasser und das strahlende Weiß der vielen Landhäuser und Windmühlen im kanarischen Stil – das alles ist viel zu schön, um als “langweilig” abgestempelt zu werden.
Viele meinen, auf Fuerteventura gäbe es nichts außer Staub. Aber im Grunde genommen bietet es sportlich genau dieselben Möglichkeiten wie die anderen Inseln auch, teilweise sogar bei besseren Bedingungen. Sicher es um einiges ruhiger, als andere Orte auf dieser Erde und kommerziell (von Souvenirshops abgesehen) nicht ganz so erschlossen. Aber genau das ist es, was viele Menschen dorthin zieht. Ich für meinen Teil würde auf Dauer auf Fuerteventura sicher den ein oder anderen Aspekt im Leben vermissen. Aber für einen entspannen Strandurlaub und sportliche Abenteuer ist es perfekt. Wenn man nur wie Moses das Meer teilen und einfach hinüber laufen könnte…