Gran Canaria – Wo “Rum trinken in Puerto Rico” eine ganz andere Bedeutung bekommt

Gran Canaria allgemein(3)

Bei meinem ersten Besuch Gran Canarias machten mich befreundete Tinerfeños (so werden die Einwohner Teneriffas genannt) darauf aufmerksam, dass ich dabei sei, feindliches Gebiet zu betreten. “Die von Gran Canaria glauben, sie seien was Besseres als wir und behaupten, ihre Insel wäre schöner”. Was für mich im ersten Moment wie ein schwachsinniger Nachbarschaftszwist klang, hat aber bereits lange Tradition und zieht sich hier durch alle Lebenslagen.

Vom Wettbewerb der Universitäten über das Ringen um die meisten Touristen bis hin zum Schlachtfeld aller neumodernen Streitigkeiten – dem Fußballplatz – entdeckt man immer wieder das brüderliche Gerangel der beiden Inseln um den Titel des Besten. Freunde schwören darauf, dass sie bis vor wenigen Jahren, als es noch keine einheitlichen Nummernschilder für Autos auf den Kanaren gab, die Wagen bei einer Reise nach Gran Canaria lieber zu Hause stehen ließen – und andersrum. Waren doch das “T” für Teneriffa und “GC” für Gran Canaria zu auffällig im gegnerischen Territorium und da konnte schonmal ein Reifen spontan platzen oder der Lack in Streifenform von selbst abfallen. Ich wollte mir aber (natürlich mit neuem, neutralen Nummernschild, also quasi inkognito) einen ganz eigenen Eindruck der Insel verschaffen. Hier das Ergebnis:

Allgemeines:

Gran Canaria allgemein(2)

Flächenmäßig ist Gran Canaria nach Teneriffa und Fuerteventura die drittgrößte der Kanarischen Inseln, gemessen an der Bevölkerungszahl ist sie neben Teneriffa sogar die zweitgrößte. Ihre Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria zählt gleichzeitig als Hauptstadt für die Provinz Las Palmas, zu der auch die anderen beiden östlichen Inseln Fuerteventura und Lanzarote gehören. Von Teneriffa ist sie eine halbe Flugstunde bzw. anderthalb Stunden mit der Fähre entfernt.

Agaete – Blau-weißes Hafenstädtchen

Agaete

Ich entschied mich für die Fähre und landete so in dem wunderschönen Hafenort Agaete im Nordwesten Gran Canarias. Abgesehen von den Abfahrten und Ankünften der Schiffe ist der blau weiß gehaltene Ort total verschlafen. An der Promenade reihen sich kleine Fischrestaurants und Souvenirläden, in denen die Oma des Hauses noch selbst verkauft. Früher gab es gleich um die Ecke eine berühmte Felsformation, die etwa 30m hoch war und “Dedo de díos” (Finger Gottes) genannt wurde. Seit dem großen Tropensturm Delta in 2005 gibt es den Felsen aber leider nicht mehr, da der Finger schlichtweg abbrach und so bleiben nur viele Bilder im Dorf als Erinnerung.

Las Palmas de Gran Canaria – Hauptstadtmetropole der Kanaren

Las Palmas

Mein Hotel befand sich in der Hauptstadt Las Palmas. Anfangs fiel es mir schwer, mich an den Anblick der Gebäude dort zu gewöhnen. Erstens sind die meisten Wohnhäuser an den Berghängen am Rande der Stadt mit 3 und mehr Etagen überdurchschnittlich hoch, wenn man sie mit der Bauweise auf anderen Inseln vergleicht. Überhaupt gibt es mehr Hochhäuser. Da wurde einem als ehemaliges Stadtkind ganz warm ums Herz. Zweitens erinnern die Häuser an kleine Legobauten, sie sind bunt und die einzelnen Etagen scheinen fast willkürlich aufeinander gesetzt.Im Zentrum sieht es dagegen anders aus. Moderne, gepflegte Einkaufspassagen, schöne Restaurants und historische Gebäude laden zum Verweilen ein. Die Strandpromenade, die direkt neben einer großen Hauptstraße mit riesigen Palmen verläuft, hat sogar etwas Miami-Flair wenn die Sonne scheint. Naja, etwas. Blendet man den hässlichen Industriehafen im Hintergrund aus.

La Casa de Colón – Geschichte hautnah im Haus von Christoph Kolumbus

Casa Christoph Kolumbus

Dieser Stadtpalast im Herzen von Las Palmas hat eine besondere Erwähnung verdient. So ist dieses stattliche Haus nämlich kein geringeres, als der zwischenzeitliche Wohnsitz von Christoph Kolumbus. Naja, angeblich. Während sein Schiff repariert wurde, wohnte er hier angeblich kurzzeitig unter einem Dach mit den ersten Gouverneuren der Stadt. Daher erhielt das Haus den Namen Casa de Colón. Seit 1952 ist das prächtige Gebäude ein Museum und beherbergt verschiedene Ausstellungen, Vorträge und Veranstaltungen. Allerdings ist schon allein die kunstvolle Bauweise des Stadtpalastes einen Besuch wert. Hier siehst du ein Meisterwerk der kanarischen Architektur. Und wenn dich das alles immer noch nicht überzeugt: in einem der Innenhöfe warten zwei sehr putzige Papageien auf Gesellschaft.

Arucas – Auf einen Rum…oder zwei

Arucas

Arucas liegt etwa 20 Autominuten von der Hauptstadt entfernt und ist definitiv einen Besuch wert. Die historische Altstadt mit ihren pittoresken Gebäuden steht unter Denkmalsschutz und schon von weitem thront die wunderschöne Kirche Iglesia Parroquial de San Juan Bautista in neugotischem Stil über der Gemeinde. Ich war bei ihrem Anblick mehr als erstaunt, diese Art der Architektur auf den Kanaren zu finden. Auch der an das Zentrum angrenzende Stadtpark voller exotischer Pflanzen lädt zu einem entspannten Spaziergang ein. Wem das kulturell immer noch nicht zu hoch angesetzt ist, der kann sich in der nahegelegenen Rum-Fabrik Destilería Arehucas über die Herstellung des auf den Kanaren sehr berühmten Arehucas-Rums informieren. Die Canarios sind so stolz auf diesen Rum, das es kaum eine Party ohne ihn gibt. Die passenden Zuckerrohrfelder dazu kann man auf dem Weg nach Teror bestaunen. Und damit sind wir auch schon beim Thema…

Teror – Wo es erschreckend gute Würste gibt

Teror

Als mir eine sehr gute Freundin einmal erzählte, sie wäre in Teror geboren wurden, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. “Ach deswegen machst du immer so einen Terror wenn du Hunger hast?” Sie fand es nicht lustig. Sei doch Teror für seine Delikatessen, vor allem Würste und Gebäck bekannt. Als Wallfahrtsort locke es jedes Jahr tausende von Pilgern in das kleine Dorf, das in seiner Basilika mit der Virgen del Pino (Jungfrau von der Pinie) DIE Schutzheilige der Insel beherbergt. Als ich die Liebe besuchen wollte, standen mir viele junge Menschen im besten Anzug und Abendkleid im Weg – Hochzeitsalarm! Ergo widmete ich mich lieber den traditionellen Holzbalkons und der Suche nach einem Stein. Den wollte ich meiner Freundin gern als Souvenir aus ihrem Heimatdorf bringen. Man nimmt es in Spanien mit “mi tierra” (genau genommen “mein Boden/meine Erde” – besser übersetzt “meine Heimat”) nämlich sehr ernst. Doof nur, das Teror der einzige Ort auf dieser Vulkaninsel zu sein schien, in dem kein passender Stein auf dem Boden zu finden war. Erst kurz vor dem Auto wurde ich nach verzweifelter Suche fündig und weiter ging es nach…

Maspalomas – das Dünenparadies im Süden

Maspalomas

Jede der Kanarischen Inseln hat sie. Die Zone, wo der Tourismus einem optisch förmlich entgegenschreit “Hier werden Socken in Sandalen getragen und Sonnencreme ist was für Weicheier!” Auf Gran Canaria ist es die Gegend um Maspalomas und Playa del Inglés. Aber es gibt hier nicht nur dutzende Souvenirläden, Restaurants spezialisiert auf Mikrowellen- und Fritteusengerichte und Neonreklamen. Im Gegensatz zu vielen anderen vom Tourismus geprägten Gebieten kann Maspalomas mit Naturschönheit aufwarten. Die Dunas de Maspalomas, weitläufige Sanddünen direkt am Meer, beeindrucken jährlich tausende Besucher. Im Jahr 1987 wurden die Dünen und eine an ihrem Rand gelegene kleine Oase als Naturschutzgebiet erklärt. Dort kann man Wasservögel beobachten und wem das zu langweilig ist, der schließt sich den vielen Menschen an, die wie vom Blitz getroffen von den Dünen springen, um ihre Urlaubsfotos aufzupeppen. Allerdings sollte man sich mit der Kamera nicht zu weit in die Tiefen von Maspalomas wagen. Dort befindet sich nämlich das einzige offizielle FKK-Gebiet von Gran Canaria und bei Fotos ist man an solchen Stränden verständlicherweise nicht ganz so offen.

Puerto Rico – Das Land der weißen Ferienwohnungen

Puerto Ricot.

“Ich fahre nach Puerto Rico!” – “Echt, ist das nicht ein viel zu langer Flug für einen Wochenendtrip?” – “Ach was! Ist doch gar nichts!” Ich persönlich liebe ja solche Namensdoppelgänger. Vor einigen Jahren habe ich schon meinen Freundeskreis verrückt gemacht als ich stolz verkündete, dass ich nach Brasilien fahren würde. Die Lacher waren auf meiner Seite als ich zurückkam und zahlreiche Bilder aus Schleswig-Holstein dabei hatte. Als mir dann auf der Karte von Gran Canaria ein Puerto Rico entgegenstrahlte stand direkt fest, dass ich dort hinfahren musste. Vom Namen, einer Minigolfbahn und einem netten Strand abgesehen gab es dort aber im Grunde genommen keine umwerfenden Sehenswürdigkeiten. Wer allerdings terrassenförmig angelegte, riesengroße und weiß getünchte Ferienwohnungsanlagen mag, der kommt im Puerto Rico von Gran Canaria voll auf seine Kosten.

Playa de los Amadores – Das romantische Badevergnügen

Playa de los Amadores

Der Playa de los Amadores, was übersetzt der Strand der Liebenden bedeutet, liegt zwischen Puerto Rico und Puerto Mogán. Von hier aus kann man sehr schöne Sonnenuntergänge vor dem Panorama des Teide auf der Nachbarinsel Teneriffa beobachten. Ansonsten hat der Strand tagsüber eher wenig mit Romantik zu tun, sondern ist stattdessen einer der beliebtesten Badestrände der Insel. Durch den feinen Sand, die gepflegten Installationen und die naheliegenden All-Inclusive Hotels trifft man hier eher auf Familien und alt eingesessene Skat-Clubs auf den Strandliegen als auf verliebte Pärchen. Aber der Name macht was her.

Puerto Mogán – Venedig kann hier einpacken

Puerto Mogán

Auch wenn es auf Gran Canaria sicherlich viele Sehenswürdigkeiten gibt und die Insel in puncto Nachtleben und kultureller Vielfalt im Bruderkampf mit Teneriffa die Nase vorn haben soll, so war ich bis zu meinem letzten Tag des Ausfluges noch immer nicht so wirklich von ihr überzeugt. Mir fehlte ein Ort, der mich faszinierte oder zumindest begeisterte. An den ich mich erinnern würde. Wo man ankommt und einem ein intellektuell hochwertiges “Wie schöööön!” entfährt. Da das Beste aber bekanntlich zum Schluss kommt, fand ich diesen Ort doch noch in Form von Puerto Mogán. Ein kleines, farbenfrohes Fischerdörfchen, das gern als Venedig von Gran Canaria bezeichnet wird. Direkt an einem Hafen mit seinem kleinen Leuchtturm liegen romantische weiße Häuser, die teilweise über kleine Kanäle verlaufen oder durch schmale Gänge und Torbogen miteinander verknüpft sind. Charakteristisch sind dabei die vielen bunten Farbakzente durch ein Meer an Blumen sowie farbigen Fensterläden und Geländern. Im Hafen ankern Fischerboote und Yachten, in den Restaurants an der liebevoll gepflegten Promenade wird frischer Fisch angeboten. Touristenmassen sucht man hier vergebens. Das Ambiente war so einladend, dass ich mich aus Neugier direkt nach freien Wohnungen umgesehen habe und feststellte, dass Ferienwohnungen den Großteil der Apartments ausmachen. Sollte ich also einmal wieder Gran Canaria besuchen, dann weiß ich jetzt schon, wo ich gern unterkommen würde. Denn auch wenn Puerto Mogán von den üblichen Touristenorten etwas weiter entfernt liegt, so war es für mich (fast genau deswegen) der schönste Fleck auf der Insel.

Fuente de los Azulejos – Ein steinerner Regenbogen

Fuente de los Azulejos

Fährst du von Puerto Mogán aus in den Nordwesten in Richtung San Nicolás de Tolentino, so wirst du unterwegs sicherlich deinen Augen nicht trauen. Okay, schon allein das traumhaft schöne Bergpanorama wird dich zum staunen bringen. Noch viel mehr wird dich aber ein Farbenspiel überraschen, was sich plötzlich vor dir an einer Bergwand abzeichnen wird.Die Felswand Fuente de los Azulejos entstand durch einen Mix aus vulkanischen Aktivitäten, Erosion und die passenden mineralischen Einlagerungen. Eisenhydrat, Schwefel, Basalt und Eisenoxid schufen dabei ein steinernes Farbfeuerwerk (zumindest im Vergleich mit den sonst eher matten Gesteinsfarben). Die Landschaft drumherum bietet Wanderfreunden zahlreiche Touren.

Mirador del Balcon – Umwerfendes Panorama inmitten von Felsgiganten

Mirador del Balcon

Der Mirador del Balcon, also der “Balkon-Aussichtspunkt” heißt nicht nur so, sondern ist tatsächlich einer. Vom kleinen Parkplatz aus führen dich einige wenige Treppenstufen hinunter auf einen kleinen, vorgelagerten Balkon aus Stein. Und der hat es in sich! Vor dir erstreckt sich das weite Meer, bei dessen Anblick man immer noch denken könnte, das die Welt am Horizont einfach aufhört. Rechts und links von dir siehst du die riesigen, schroffen Felswände der Westküste Gran Canarias. Bei gutem Wetter kannst du problemlos bis Agaete sehen. Er ist meiner Meinung nach einer der spektakulärsten Aussichtspunkte der Insel.

Naturpark Bandama – Ein paradiesischer Ort auf dem Dach Gran Canarias

Bandama

Der Naturpark Bandama besteht aus zwei Komponenten. Zum Einen findest du dort den Pico de Bandama, einen Berggipfel, von dessen Aussichtsplattform du einen herrlichen Blick über Las Palmas, Telde und den Golfplatz Bandama hast. Weiterhin hast du von dort oben eine ungestörte Sicht auf die zweite Komponente: die Caldera de Bandama. Diese 170m tiefe und 1km breite Kraterschlucht entstand durch vulkanische Prozesse. Geübte Wanderer können bis auf ihren Grund absteigen. Wer es eher gemütlicher mag, sollte dem Golfplatz neben der Caldera einen Besuch abstatten. Dieser ist übrigens der älteste Golfplatz Spaniens. Das dazugehörige Hotel ist ganz herzallerliebst, wie ich selbst bei einigen Übernachtungen erfahren durfte. Morgens die frische Bergluft einzuatmen und den Blick über die gigantische, grüne Schlucht schweifen zu lassen, über der Greifvögel ihre Bahnen ziehen – besser kann man gar nicht in den Tag starten.

Fazit:

Auf der Heimfahrt mit der Fähre von Fred Olsen begann ich beim Anblick der sich immer weiter entfernenden Insel zu rekapitulieren. Ist Gran Canaria nun so viel besser als Teneriffa? Ist der Bruderkampf gerechtfertigt? Nun, rückblickend habe ich dort eine schöne Zeit verbracht und ein Besuch der Insel lohnt sich auf jeden Fall! Es gibt viele sehenswerte Orte und eine Vielfalt an kulturellem Angebot und Freizeitaktivitäten lassen die Zeit dort schnell vergehen. Aber mein Herz schlägt nun einmal für Teneriffa und ich würde es jederzeit Gran Canaria vorziehen. Ich bin mit dem Eiland einfach nicht so richtig warm geworden auf meiner Reise. Ich habe für mich dort nicht dieselbe Naturschönheit wie auf den anderen Kanarischen Inseln gefunden und auch die Menschen habe ich als anders erlebt. Allerdings bin ich, was diese Beurteilung angeht, auch mehr als voreingenommen ;-). Daher würde ich jedem raten: Besuche beide Inseln und bilde dir deine eigene Meinung – und sei dankbar für inselübergreifende Nummernschilder!