Das kleine verschlafene Dorf Vera de Erques auf Teneriffa

Vera de Erques

Vera de Erques ist ein verschlafenes kleines Dörfchen im Südwesten Teneriffas, in dem nur der moderne synthetische Kinderspielplatz im Dorfzentrum zeigt, dass die Zeit nicht komplett stehen geblieben ist. Was es hier außer einem Dreschplatz und einem Brotofen (kein Witz, das sind wirklich die Attraktionen) gibt? Nun, das Dorf liegt direkt nebem einem traumhaften Barranco, dem Barranco de Erques.

Ein Barranco ist das, was man im Englischen mit Valley und im Deutschen mit Schlucht beschreibt. Wobei es auf Teneriffa die Definition “langgezogene Krater die vom Teide zum Meer auslaufen” besser trifft. Und was trifft man noch so in den Barrancos? Richtig, Wanderer.

Wanderweg ins Barranco de Erques

Wanderweg ins Barranco de Erques

Einer meiner neuen Vorsätze für dieses Jahr war, die Insel auch nach den dreieinhalb Jahren die ich hier schon lebe noch besser kennenzulernen. Das lässt sich ganz super mit dem zweiten Vorsatz des Sporttreibens kombinieren. Wenn man nun noch zwei liebe Freunde hat, die sich vor Kurzem eine Drohne zugelegt haben und diese ständig in tollen Landschaften ausprobieren wollen, so hat man ratzfatz eine Pseudo-Wandergruppe gegründet.

Blick in das Barranco de Erques

Blick in das Barranco de Erques

Die Tour durch Vera de Erques startete allerdings etwas holprig, weil wir am Einstieg zum Barranco etwa drei mal vorbeigelaufen sind (das Wort “Pseudo” vor der Wandergruppe kommt ja nicht von ungefähr). Der Weg führt etwas versteckt an einem kleinen Viehhof direkt in die Schlucht hinein. Vorbei an malerischen Felsformationen, die den Eindruck machen, als würden sie jederzeit zusammenbrechen und an rosa blühenden Mandelbäumen und blauem Lavendel, die der zerklüfteten Landschaft einen Hauch von Farbe verleihen.

Der Ausblick zu beiden Seiten ist beeindruckend – nach rechts führt das Tal zwischen den majestätischen Felswänden direkt ins blaue Meer. Schaut man nach links, so sieht man, wie sich die Schlucht schlangenförmig Richtung Teide zieht.

Blühende Mandelbäume im Barranco de Erques

Blühende Mandelbäume

Wer gern auf großen Felsen in ausgetrockneten Flussbetten herumklettert kommt hier ganz auf seine Kosten. Wer Schreckeffekte mag auch. Die Ruhe in diesem Barranco ist himmlisch, sodass der Schock umso größer ist, wenn plötzlich zwei Tauben direkt vor einem aus einer Höhle herausgeschossen kommen. Das Gelächter hinterher konnte man wohl bis zum Dorf hinauf hören.

die unberührte Natur im Barranco de Erques

Unberührte Natur in den Tiefen der Schlucht

Nach etwa einer halben Stunde kamen wir zur ersten Weggabelung und entschieden uns ganz als faule Pseudo-Wanderer nicht für den steilen Aufstieg nach Taucho, sondern für die gemütliche ebene Strecke nach links. Der dubiose Wanderführer aus dem Internet sagte dort einen “alten Waschplatz des Dorfes” voraus. Wir alle hatten andere Interpretationen davon und waren gespannt zu sehen, was es nun wirklich sei. Meine Freundin, allgemein von der schreckhafteren Sorte, fühlte sich in einem Flussbett von Felswänden und Höhlen umgeben nicht allzu wohl. Was, wenn uns gar jemand beobachtete? Es begann die Phase der Kannibalenwitze. Solange bis wir die Stimmen hörten. Angst machte sich breit.

Unbegründete Angst. Denn wie wir herausfanden kamen diese Stimmen von einer Truppe Einheimischer, die da unten, mitten im tiefsten Barranco eine Grillparty (Spanisch: “Barbacoa”) veranstaltete. Man muss erwähnen, die Canarios lieben nichts so sehr wie eine schöne Grillparty in der Natur zum Sonntag. Sie waren fast noch überraschter uns zu sehen, als wir sie und sie begrüßten uns herzlich. Es folgte eine Geschichtsstunde zur Region und uns wurde bewusst, dass der angekündigte Waschplatz in Wahrheit eine Bergquelle war. “Da oben liegt noch ein weiterer Ausläufer der Quelle, der hat viel besseres Wasser”, meinte einer von ihnen”. Wir schauen auf die Steinwand vor uns. Wie? Da oben? Er lachte: “Ja ja, klettert nur rauf. Aber geht nicht zu weit, sonst kommt ihr beim Teide raus!

Jetzt muss man als Pseudo-Wanderer auch noch klettern. Nun, die Neugier siegte und der Wand haben wir es gezeigt.

Eine Felsenwand, die die nächste Etappe des Barranco de Erques auf Teneriffa einleitet.

Wir und die Wand.

Nach etwa einer Stunde Anstieg und einigen Metern Höhenunterschied hörten wir sie, die Quelle. Euphorisch wurden die Schritte schneller, die Füße überschlugen sich fast und was sahen wir? Einen Gummischlauch, aus dem Wasser plätscherte. Erster Gedanke: “Typisch Canarios”! Glücklicherweise folgte mein Begleiter dem Ruf der Natur, denn so entdeckte er, dass sich mehr dahinter verbarg. Etwas weiter oben befand sich ein kleiner, vollkommen zugewachsener Brunnen und ein alter Tunnel. So genossen wir die zweite Phase der Witze über Tunnel-Kannibalen, tranken sauberes Quellwasser und brachen zum Rückweg auf.

Die Quelle vom Barranco de Erques

Die Quelle vom Barranco de Erques

Die Grilltruppe erwartete uns schon gespannt. Es sei selten, dass ausländische Wanderer dorthin finden würden. Wir erklärten, das wir auf der Insel wohnten und plötzlich gab sich in der Gruppe eine Deutsche zu erkennen, die schon seit 29 Jahren hier lebt. Zufälle gibts.

Und so muss ich meine oben aufgeführte Erklärung erweitern: In Barrancos trifft man nicht nur Wanderer. Sondern auch nette einheimische und deutsche Kannibalen ;-).