La Gomera

La Gomera allgemein(2)

Wer im Süden Teneriffas lebt, kommt regelmäßig in den Genuss eines imposanten Anblicks am Horizont. Wenn das Wetter mitspielt, erstrahlt dort La Gomera in voller Schönheit und ruft einem in Erinnerung, dass man sich mitten in einem Inselarchipel befindet. Exotische Schönheit pur.

Doch La Gomera sieht nicht nur von Weitem schön aus, deshalb solltest du dieser kleinen Insel dringend einen Besuch abstatten, wenn du in der Nähe bist. Sie zählt gleich nach La Palma zu den landschaftlich schönsten Inseln und ist ein wahres Paradies für Wanderer und Ruhesuchende. Kurz nachdem ich nach Teneriffa gezogen war, besuchte ich La Gomera über das Wochenende mit meiner Mama und schwärme noch heute von diesen Tagen. Wieso? Ich erzähl es dir:

Allgemeines

La Gomer allgemein

La Gomera ist die zweitkleinste der Kanarischen Inseln und ist vor allem für ihre grüne, bergige Landschaft bekannt. Von einem Ort im Tal muss man manchmal erst hunderte Höhenmeter über einen Bergpass zurücklegen, um zum nächsten Ort im nächsten Tal zu kommen. Das ist auf ihren vulkanischen Ursprung zurückzuführen und bietet dir die Gelegenheit, unterschiedlichste Vegetations- und Klimabedingungen auf kleinstem Raum kennenzulernen. Das Wetter ist auf La Gomera ganzjährig sehr mild, wenn auch in einigen Inselgebieten recht feucht.

Sie ist gleichzeitig auch eine der älteren der Inseln und blickt auf eine interessante Geschichte zurück. Die Ureinwohner Guanchen, Piratenangriffe, die Eroberung durch Spanien und sogar Christoph Kolumbus prägten die Kultur dieser Insel. Einer der wertvollsten kulturellen Schätze La Gomeras ist “El Silbo”, die hiesige Pfeifsprache, mittels der man über lange Zeit über die Distanzen der Schluchten und Täler hinweg kommuniziert hat. Seit 1982 zählt El Silbo zu den Weltkulturgütern und kann in den Schulen La Gomeras sogar als Schulfach belegt werden. Aus La Gomera stammt auch die berühmte, deftige Käsecréme namens Almogrote.

Die Inselhauptstadt San Sebastián de La Gomera ist nur rund 38 Kilometer von Los Cristianos im Süden Teneriffas entfernt. Dementsprechend erreichst du La Gomera sehr schnell und kompliziert in einer knapp einstündigen Fahrt mit der Fähre. Wenn du die Insel lieber von oben betrachten möchtest, so kannst du auch mit dem Flugzeug anreisen. Vom Flughafen Teneriffa Nord aus startet der halbstündige Flug.

Hermigua – Wo man den Schlüssel außen stecken lässt

Hermigua

Unsere Ferienwohnung lag in der malerischen Gemeinde von Hermigua. Hier lebten nachweislich vor vielen Jahren sogar die Guanchen – höchstwahrscheinlich, weil sie die Schönheit und den Schutz dieses Tals genauso schätzten, wie es die Einwohner heute tun. Von all dem bekamen wir allerdings am Tag oder besser gesagt in der Nacht unserer Anreise nichts mit. Es war dunkel. Genau das war auch die beste Voraussetzung für eine der witzigste Anekdoten meiner Zeit auf den Kanaren.

Mit meiner lieben Mama holte ich den Schlüssel zur Ferienwohnung im vereinbarten Restaurant ab. “Links die Treppe herunter, dritte Tür, Schlüssel steckt.” Alles klar. Treppe runter, dritte Tür und der Schlüssel steckte. Wir gingen hinein und waren etwas verwundert. Das sah so gar nicht nach der Ferienwohnung vom Internet aus. Aber so etwas soll ja einmal vorkommen, wir würden das am Morgen schon regeln. Während meine Mama mit besorgter Aufregung die nicht vorhandene Sauberkeit kommentierte, schoss ich erst einmal Nachtfotos vom Balkon aus. Dabei trat ein älterer Herr aus der Nachbarwohnung an mich heran. Er berichtete mir, dass die Oma von der anderen Straßenseite Licht gesehen und bei ihm angerufen hätte. Dies sei nur eine Wohnung, wo die Ferienwohnungbesitzerin ihre Putzgegenstände lagert. Die Erleichterung und das Gelächter waren groß. “Links die Treppe runter” kann man natürlich zweifach auslegen, je nachdem von wo aus man beginnt. Die richtige Treppe war auf der anderen Seite und wie wir an diesem Abend lernen sollten, lassen so ziemlich alle Einwohner Hermiguas nachts den Schlüssel an der Tür stecken. Man muss sich ja auch vor nichts fürchten, die agile Oma vom Balkon gegenüber hat ja schließlich alles unter Kontrolle.    
Beim Erwachen in der richtigen Ferienwohnung war am nächsten Morgen all der Schreck aber direkt wieder vergessen. Beim Blick aus dem Fenster strahlen unzählige Bananenpflanzen in saftigem Grün. Hermigua zählt als die wasserreichste Gegend der Insel und wird deshalb hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt. Eine Plantage reiht sich an die nächste und so bildet sich ein Mosaikteppich, der sich über die Hänge des Tals zieht. Die kleinen, bunten und oftmals sehr liebevoll gestalteten Häuschen der Einwohner machen das pittoreske Bild perfekt. In den kleinen Dörfchen findet man Kirchen, die wertvolle Kunstgegenstände beinhalten und ganz in der Nähe befindet sich El Chorro, der höchste Wasserfall von La Gomera.

Der Loorbeerwald vom Nationalpark Garajonay – Zurück in die Urzeit

Laurisilva

Der Nationalpark erhielt seinen Namen in Anlehnung an die Legende um das Liebespaar Gara und Jonay. Gara, Prinzessin auf La Gomera und Jonay von Teneriffa war kein gemeinsames Glück vergönnt und so gingen sie gemeinsam auf dramatische Weise in den Wäldern in den Bergen in den Tod. Seitdem nennt man diese Gegend Garajonay. Heute zählt der knapp 4000 Hektar große Nationalpark zum Weltkulturerbe.

Kein Wunder, sind doch die hier vorhandenen Lorbeerwälder und die anderen der ansässigen Pflanzenarten größtenteils Überbleibsel der subtropischen Wälder, die im Rest Europas bereits seit Millionen von Jahren ausgestorben sind. Hier machst du eine wahre Zeitreise in den Urwald und erhältst eine Idee davon, wie es auf dieser Erde vor langer Zeit einmal ausgesehen hat. Charakteristisch ist dabei der dichte Wolkennebel, dessen Feuchtigkeit zu einem Großteil zum Erhalt der Fauna beiträgt.
Du findest im Nationalpark Garajonay eine Vielzahl an gut ausgeschilderten Wanderwegen. Ebenso kannst du dich auch geführten Gruppen anschließen. Oder du machst es wie wir: stell einfach das Auto ab, laufe ein Stück in die Vergangenheit und lass dich von diesem grünen, moosbewachsenen, stillen Wald verzaubern.

Chorros de Epina –  Finde deine große Liebe

Chorros de Epina

Bist du auf der Suche nach der großen Liebe, aber sie will einfach nicht zu dir kommen? Ähnlich dem Bild eines Esels, der einer Möhre an einer Angel in der Hand seines Reiters hinterherläuft? Keine Sorge, Hilfe naht! Naja, zumindest wenn du alles richtig machst.

Was ich meine? Nun, auf La Gomera gibt es eine geheime Quelle – die Chorros de Epina. Aus 7 hölzernen Röhren fließt hier sauberstes, trinkbares Quellwasser in einen Trog. Der eigentliche Clou ist allerdings, dass dem Wasser magische Kräfte nachgesagt werden. Neben der Heilung von Krankheiten soll man hier vor allem die Liebe heraufbeschwören. Blöd nur, wenn man überall eine andere Gebrauchsanweisung findet, denn Legenden gibt es viele. Vor der Reise las ich, man soll von links nach rechts aus allen Quellen trinken. Gesagt getan.

Auf dem Rückweg entdeckten wir dann allerdings eine Informationstafel, die erklärte, dass man als Frau aus den geraden und als Mann aus den ungeraden trinken soll (von links aus gesehen). Wie doch Legenden auf verschiedenste Arten ausgelegt werden können, ich will gar nicht wissen, wie viele Rohrkombinationen es für diese Quellen noch gibt!
Nun, für mich war es zu spät, aber ich kann mich dennoch nicht beschweren. Und das Wasser war herrlich frisch! Glücklich machen die Quellen zudem auch noch wegen der tollen Atmosphäre. Das stete Plätschern in der Stille des Waldes beruhigt ungemein und viele Einheimische nutzen das Areal rund um die Quellen gern für ihre Sonntagsausflüge.

Valle Hermoso – Wie schööööön

Vallehermoso

Der Name Vallehermoso bedeutet aus dem Spanischen übersetzt “Schönes Tal”. Und genau das ist es auch! Fährst du mit dem Auto von oben in diese Senke, erstreckt sich vor dir eine herrliche Landschaft aus Bergmassiven, riesigen Palmen, bunten Häuschen, tiefblauen Wasser und terrassenförmig angelegten Feldern. Massentourismus – Fehlanzeige. In Vallehermoso ist die Zeit stehen geblieben. Hier lebt man von der Landwirtschaft, dem Kunsthandwerk oder schlichtweg in den Tag hinein.

Castillo del Mar – Die schlafende Schönheit in der Brandung

Castillo del Mar

Folgst du der Straße durch Vallehermoso, gelangst du nach kurzer Zeit an einen kleinen geschützten Strand. Rechts und links von dir ragen steile, schroffe Felswände in den Himmel, vor dir erreichen die Wellen des Atlantiks die Küste. Und links von dir steht ein kleines, verlassenes, fast schon etwas gruselig wirkendes Schloss. Es liegt vorgelagert auf einem großen Felsen und wird vom Meer umspült, nur ein kleiner Steinsteg führt zu dem Eingang. Die Fassaden bestehen komplett aus Stein und bieten daher von Weitem die ideale Tarnung. Das Castillo del Mar schmiegt sich dadurch wie ein Chamäleon in die Landschaft.
Früher wurde es für das Verladen von Bananen auf Handelsschiffe genutzt, später etablierte es sich zunehmend als Kunst- und Kulturzentrum. Als wir es besuchten, glich es allerdings mehr einer Ruine, die der Verwitterung durch die Natur ausgesetzt war. Aber keine Sorge, das Castillo del Mar wird nicht untergehen. Weit gefehlt, derzeit wird auf La Gomera fleißig saniert, um es in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

Valle Gran Rey – Wahrhaft königlich

Valle Gran Rey

Das Tal des großen Königs liegt im Südwesten der Insel und übertrifft in seinem Anblick sogar alle anderen Täler der Insel. Fährt man von oben in das Valle Gran Rey hinab, so passiert man mehrere Minuten lang scheinbar endlose Terrassen voller Felder, Palmen und kleiner Fincas. Unten locken traumhafte Strände, kleine Cafés und malerische Gassen den Besucher. Nicht umsonst zählt es als die touristischste Gegend der Insel. Früher, in den 70ern und 80ern, war es sogar ein richtiger HotSpot für Hippies und solche die es werden wollten. Wozu nach Goa fliegen, wenn man auch auf den näher gelegenen Kanaren prima aussteigen kann?

Heute trifft das allerdings nicht mehr ganz so zu, denn der Tourismus ist auf dem Vormarsch. Fairerweise muss man aber natürlich erwähnen, dass auf La Gomera allgemein eher Alternativurlauber und Naturfreunde zu finden sind. Saufeskapaden und Sonnenbrandwettbewerbe findet man dort eher selten. So kann man glücklicherweise immer noch verhältnismäßig ungestört die faszinierende, königliche Anmut des Valle Gran Rey genießen und – ganz wie die Blumenkinder von damals – Eins mit der schönen Natur werden.   
Es gibt es auch noch richtig schöne, urige Ecken, die man gemeinsam mit den Einwohnern ganz für sich hat. Wir hatten beispielsweise in einer kleinen Bar Müh und Not, nach zwei Stunden wieder gehen zu dürfen. Der Besitzer hatte sich schlichtweg so gefreut, einmal Deutsche kennen zu lernen, mit denen er sich unterhalten konnte – er wollte uns gar nicht gehen lassen.

San Sebastián de La Gomera

San sebastian de La Gomera

So klein, beschaulich und verschlafen diese Inselhauptstadt auch wirkt – in der Geschichte der Menschheit spielte sie einst eine interessante Rolle. Denn man vermutet heute, dass seinerzeit Christoph Kolumbus von hier aus zu seiner Reise nach Indien aufbrach. Er soll sogar aus einem hiesigen Brunnen das Taufwasser für das neue Land geschöpft und mitgenommen haben. Wo er letztendlich landete, ist allgemein bekannt.  

San Sebastián de La Gomera ist ein wichtiger Verkehrsknoten der Insel. Über den Hafen wird fast sämtlicher Schiffsverkehr geregelt, seien es die Besucherfähren oder Lieferungen bzw. Sportboote, die hier Halt machen. Zudem starten hier zwei große Landstraßen, die die Hauptstadt jeweils mit der Nord- und Südregion der Insel verbindet.
Wichtige Sehenswürdigkeiten der Stadt sind der Wehrturm Torre del Conde, der um 1450 erbaut und aufgrund fehlender moderner Waffen eher zur militärischen Abschreckung genutzt wurde sowie die Kirche Nuestra Señora de Asunción. Beide gehören zu den ältesten Bauwerken der Insel und sind feste Bestandteile der kanarischen Kultur. Du kannst dich aber auch einfach im Stadtkern in dem Schatten der riesigen indischen Lorbeerbäume niederlassen und den älteren Herrschaften beim Kartenspielen zuschauen.

Fazit

Wenn man täglich von Weitem die Umrisse dieser kleinen Insel vor Augen hat und sogar bei gutem Wetter die weißen Fassaden San Sebastiáns sehen kann, so ist es eine Wohltat, sie auch einmal ganz nah betrachten zu dürfen. La Gomera bezaubert seine Besucher mit Bescheidenheit und zugleich faszinierender natürlicher und kultureller Schönheit. Wenn du das Glück hast, eine Live-Darbietung der Pfeifsprache El Silbo mitzuerleben oder wenn du im Urwald dein Pausenbrot mit Almogrote genießt, so wirst du den einzigartig exotischen Charakter dieser Insel spüren.