Teil 1: Warten, warten, warten – Die Wartenummern

Sie sind überall. Rot-glühend brennen sie sich in die Erinnerung, verfolgen einen nachts in den tiefsten Träumen.

Wartenummernanzeigen.

Man sieht sieht sie in der Post, beim Arzt, im Krankenhaus, bei der Polizei, in Ämtern, sogar im Supermarkt an der Fleisch- und Käsetheke. Überall heißt es Nummer ziehen und warten, warten, warten. Auf Teneriffa wird generell viel gewartet.

  • Darauf, dass Beamte sich zunächst erst einmal direkt vor dem Fragenden untereinander beraten, wofür sie eigentlich zuständig sind.
  • Darauf, dass irgendwelche Computersysteme in Madrid hochfahren, denn sonst kann man ja nicht arbeiten.
  • Darauf, dass die Fleischfachverkäuferin das richtige Messer findet.
  • Darauf, dass endlich mal einer ordentlich Politik führt (was in etwa so realistisch ist, wie auf dem Teide auf regenbogenfarbige Einhörner zu treffen).

All diese Situationen bieten die ideale Grundlage, um auf Teneriffa Zeuge feinster zwischenmenschlicher Phänomene innerhalb einer sozialen Gesellschaft zu werden. Egal, wohin man geht, man trifft auf Beamtenmikado erster Klasse. Du kennst Beamtenmikado nicht? Ganz einfach: der, der sich zuerst bewegt, fliegt.

Das sieht beispielhaft dann so aus:

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Die teuflischen Anzeigen. Sie erwarten einen in der Post…

Man hat etwas vor. Sei es die Beantragung von Dokumenten, die Versendung eines Paketes oder die Bestellung von 150g Aufschnitt. Sie alle haben eines gemeinsam, man muss eine Nummer ziehen. Nicht zu verachten, das dies zumeist schon zwei Schritte beinhaltet. Denn erstens muss man die Rolle mit den Wartenummern zunächst einmal finden. In manchen Institutionen wirkt es fast, als hätten sie diese mit Absicht versteckt, um weniger arbeiten zu müssen. Zweitens besteht eine nicht unerhebliche Wahrscheinlichkeit, dass es schon keine Nummern mehr gibt. Die Policia Nacional zum Beispiel bedient nur eine gewisse Anzahl von Antragstellern pro Tag. First come, first served.

Aber zurück zum Thema. Man hat die Nummer. Mit Blick auf die Anzeige gilt es nun eine Entscheidung zu treffen. Liegst du mehr als zehn Nummern zurück und sind – wie üblich – von mehreren Schaltern maximal zwei besetzt, dann solltest du die nächsten zwei bis vier Stunden besser nichts vorhaben. Oder am nächsten Tag früher aufstehen und eher wiederkommen. Alles andere ist Glückssache.

Einmal die Nummer in der Hand und in die Schlange gestellt, versteht man schnell, warum diese doch eher übertrieben bürokratische Regelung einfachster Abläufe auf Teneriffa notwendig ist. Es klingt vielleicht etwas hart, aber die Mentalität einiger Inselbewohner hat leicht dreiste Züge. Frei nach dem Motto “Wer am lautesten schreit und am besten jammert, kommt zuerst dran” gibt man hier alles.

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…und man findet sie sogar im Krankenhaus.

Wenn zehn Personen geordnet in einer Reihe stehen, gibt es immer mindestens einen Schlauberger unter ihnen. Mit dem Vorwand “ich habe nur eine kurze Frage” werden die anderen ignoriert und es wird eiskalt vorgedrängelt. Das überraschende daran ist: es klappt auch noch! Denn die Canarios meckern zwar viel, aber machen nichts. So verpufft sämtliche Gegenwehr stets binnen weniger Sekunden und endet in gemeinschaftlichem Grummeln. Bis das Schauspiel zehn Sekunden später wieder los geht. Daher die Nummern. So hat man wenigstens etwas in der Hand, was man beim Grummeln vor Frust zerknüllen kann.

ABER: es gibt sie, diese wenigen Situationen, in denen der überagile Sesseladvokat hinter dem Schalter in Zeitlupe den Knopf für die Anzeige drückt und deine Nummer erscheint. Wenn du siegessicher die wenigen Meter nach vorn läufst und den Vordränglern mit schadenfrohem Lächeln deine Wartenummer ins Gesicht hältst und du endlich mal dran bist. Das ist auch genau dieser Moment, in dem der freundliche Mitarbeiter am Schalter dich darauf hinweist, das er dir gerade nicht weiterhelfen kann, weil Mittagspause ist. Oder du hast eine Kopie vergessen. Ich wurde deswegen schon einmal weggeschickt, obwohl hinter dem Beamten ein Kopierer stand.

Wer also denkt, sein Land hätte aufwändige und unfreundliche Bürokratie, der muss unbedingt mal nach Teneriffa kommen. Hier ist das Warten Königsdisziplin.

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